„Die Hetze gegen Rocker muss gestoppt werden!“

Im Interview mit „RNjosef“, Betreiber von Rockernews und Member des Road Eagle Motorcycle Club

(Autor: Ghassan Abid)

– Hells Angels-Spezial –

RNjosef

© „RNjosef“ ist eines der bekanntesten Köpfe der deutschen Rockerszene. Der Betreiber des Mediums „Rockernews“ ist auch ein Mitglied des „Road Eagle MC“. Im Interview mit „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ verurteilt der 56-Jährige in schärfster Form die Hetze gegen die Rockerklubs, die seiner Meinung nach durch die Politik und Medien gesteuert werden. Er lädt die Öffentlichkeit dazu ein, sich selbst ein Bild von den Hells Angels, Bandidos und Co. zu machen.


2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ „RNjosef“. Zuallererst meine Gratulation zur kürzlichen Hochzeit Ihrer jüngsten Tochter! 

Antwort: Besten Dank für die Gratulation.

2010sdafrika-Redaktion: Könnten Sie kurz skizzieren, in welchem Verhältnis Sie zur Rockerszene stehen und ob Sie einem Klub angehören?

Antwort: Selbstverständlich bin ich in der MC-Szene beheimatet. Neben meiner Familie gehört mein Herz und meine ganze Leidenschaft auch dem „Road Eagle MC Germany“, dem ich als Member angehöre.

2010sdafrika-Redaktion: Sie betreiben seit Jahren ziemlich erfolgreich das Rockermedium „Rockernews“, das sich selbst als “unabhängig” bezeichnet. Was hat es mit dieser Medienarbeit auf sich?

Antwort: Rockernews ist, wie viele andere erfolgreiche Rocker-Informationsportale, nur ein kleines Glied von vielen Informationsketten im Internet.

Diese Arbeit ist nicht mit meinen Klub gekoppelt und steht der Rocker- sowie Bikerszene absolut neutral gegenüber. Ohne Neutralität und Unabhängigkeit könnte ich meine Arbeit nicht durchführen. Wäre es anders, würde ich meine Glaubwürdigkeit der MC-Szene gegenüber verlieren.

Es gibt auch keinerlei finanziellen Hintergrund, weshalb ich Rockernews betreibe. Wie Sie sicherlich festgestellt haben, ist keinerlei bezahlte Werbung auf meiner gut besuchten Internetseite zu finden. So soll es auch bleiben. Ein finanzieller Hintergrund würde eines Tages ebenfalls die Glaubwürdigkeit sowie die Unabhängigkeit meines Informationsportals in Frage stellen.

Der Grundgedanke von Rockernews ist als kostenlose Informationsplattform für Rocker zu fungieren. Ähnlich einer Suchmaschine im Internet werden Schlagzeilen und Zitate aus der aktuellen Medienwelt zusammengestellt und zur Quelle verlinkt. So haben Szeneangehörige, die nicht erst lange im Internet suchen wollen, aus den verschiedensten Medienbereichen ihre Informationen sozusagen aus einer Hand.

Auch wird die Möglichkeit geboten sich übertriebenen Medienberichten durch Richtigstellungen zu erwehren. Neben Party-Flyern, Hilfegesuchen und szenebezogenen Eigenberichten kann man auch Videos und Bildmaterial von Motorradreisen, Partys oder Ausstellungen veröffentlichen.

Hierbei möchte ich auch den Rockernews-Mitstreitern meinen Dank für ihre selbstlose Mithilfe aussprechen. Ohne sie wären einige interessante News unentdeckt geblieben.

2010sdafrika-Redaktion: Sie haben gerade die mediale Beobachtung und Auswertung angesprochen. Daher die Frage, ob die Rockerklubs eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen?

Antwort: Nein!

2010sdafrika-Redaktion: Wie erklären Sie sich dann die regelmäßigen Negativschlagzeilen?

Antwort: In Ihrer Frage steckt bereits die Antwort – Negativschlagzeilen!

Es soll ja Organisationen bzw. politische Parteien geben, die sich durch solche Schlagzeilen in der Öffentlichkeit hochpuschen wollen. Solche Schlagzeilen sind Programm und dienen immer auffälliger bestimmten Damen und Herren, die in der Öffentlichkeit stehen, als Stütze für deren Vorhaben, aber in erster Linie um deren Machterhalt.

Dass dies nicht nur im Bereich Rockerwesen der Fall ist, konnte man bei den Vorbereitungen des Irakkrieges oder auch jüngst in Sachen „russische Übernahme der Krim“ feststellen. Wer die Medien auf seiner Seite hat, hat das Volk auf seiner Seite. Was im Großen funktioniert, funktioniert meist auch im Kleinen.

Bei einigen Negativschlagzeilen frage ich mich immer häufiger, ob die Redakteure den allgemein gültigen Pressekodex bzw. deren Inhalt kennen. Dieser Kodex hat meiner Meinung nach schon lange an Gültigkeit verloren.

Bis auf wenige Ausnahmen wird in den Medien sehr einseitig berichtet – meist gegen das Rockerwesen.

Dass es auch bei den Rockern schwarze Schafe gibt, bleibt unbestritten. Dies berechtigt aber nicht, eine ganze Bevölkerungsschicht, nur weil sie eine bestickte Kutte tragen und Motorrad fahren, pressemäßig mit Füßen zu treten und zu kriminalisieren.

Wenn in Deutschland bezüglich Rocker öffentlich Meldungen verbreitet werden, sinngemäße Sätze wie „Kauft nicht bei …“ oder „Vermietet nicht an …“, sowie „Staatsdiener verlor Arbeitsplatz, weil er Umgang mit Rockern hatte …“ usw., dann hat dies für mich nichts mit einem demokratischen, rechtsstaatlichen Land zu tun – ganz im Gegenteil.

2010sdafrika-Redaktion: Hört sich ganz danach an, als würden Sie das Schicksal der Juden im Nationalsozialismus mit dem der Rocker im heutigen Deutschland vergleichen?

Antwort: Keinesfalls! Wir Deutsche sollten gerade wegen unserer Geschichte schon beim kleinsten Anlass einer eventuellen, anfänglichen Ausgrenzung durch Vorverurteilung und Hetze gegen eine ganze Bevölkerungsschicht den mahnenden Finger heben. Mir geht es um die Anfänge von Hetze und Ausgrenzung und nicht um das schreckliche Schicksal der Juden im Nationalsozialismus, das in keiner Weise als Vergleich bzw. in Bezug zu diesem Interview gebracht werden darf.

Was kommt einem unbedarften Bürger in den Sinn, wenn er Nachfolgendes liest … ist das nicht öffentliche Hetze und der Anfang von Ausgrenzung? Ich zähle auf:

– Die Bevölkerung wird darauf aufmerksam gemacht, keine Waren von Rockern zu kaufen.

– Vermietern wird nahegelegt, nicht an Rocker zu vermieten.

– Im Bereich des Beamtentums werden Rocker als Arbeitnehmer gemieden und diesbezüglich öffentlich zur Diskussion gestellt.

– Wenn Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, Rocker-Lokalitäten besuchen, wird dies ebenfalls sofort öffentlich angeprangert.

– Hausdurchsuchungen werden mit einer unannehmbaren Brutalität durchgeführt. Hierbei kommen nicht selten auch unbedarfte Bürger zu körperlichen und seelischen Schäden. Nicht selten werden sogar junge Hunde aus fadenscheinigen Gründen erschossen.

– Beerdigungen werden von der Exekutive derartig gestört, dass man nur noch von Unmenschlichkeit und Störung der Totenruhe sprechen kann.

– Es werden öffentliche Diskussionen geführt, wenn ein Grabstein ein Rocker-Logo aufweist.

– Es werden sogar Arbeits- sowie Lagerhallen abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht, nur wegen eines Verdachts.

– Körperteile, die ein Club-Logo aufweisen, also durch ein Tattoo, müssen abgeklebt oder bedeckt werden.

Diese Liste lässt sich beliebig verlängern. Ein demokratisch geführter Staat sollte die verschiedensten Lebensweisen von Menschen verkraften können, auch die der Rocker. Eine pauschale, öffentliche Verurteilung sowie Kriminalisierung ist der denkbar ungünstigste Weg ein Problem zu lösen.

2010sdafrika-Redaktion: Nun haben mehrere Bundesländer das Hells Angels-Logo bzw. andere Symbole mittlerweile verboten. Sie vermitteln ein Gefühl der „Einschüchterung“ und stehen ferner für „Gewalt“, so die Schlussfolgerung der Behörden. Haben Sie Verständnis für dieses staatliche Handeln?

Antwort: Ich gebe zu, dass Rocker – mit ihren Kutten in Gruppen auftretend – in einigen Fällen beim Bürger ein ungutes Gefühl aufkommen lassen. Dies ist aber unbegründet und liegt meist an der Unwissenheit der Außenstehenden. An dieser Entwicklung tragen nicht selten auch die Negativschlagzeilen der Medien bei.

Bei vielen Klubs gibt es einen Tag der offenen Tür. Hier kann sich jeder Bürger sein eigenes Bild über Rocker in seiner Nachbarschaft machen. Dieser wird hierbei ganz schnell feststellen, dass die öffentlich geschürte Angst, die man dem Bürger über Schlagzeilen einzutrichtern versucht, meist unbegründet ist. Man wird aber auch feststellen, dass es Regeln gibt, nach denen sich der Besucher zu richten hat.

„Gibst du Respekt, dann bekommst du Respekt“ sowie „wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es unabdingbar zurück“.

Ein Kuttenverbot ist für mich nur ein Zeichen von Schwäche der politischen Machtinhaber, löst aber die angeblichen Probleme mit Rockern nicht. Ein Rocker lässt sich durch ein Kuttenverbot nicht aufhalten. Rocker ist man vom Geist und Herzen her. Rocker sein ist eine Lebenseinstellung, deren Grundfeste durch ein Kuttenverbot nicht erschüttert oder zerschlagen wird.

In Ihrer Frage stehen ein, nennen wir es einmal „Zugehörigkeits-Kleidungsverbot“ in Verbindung von Einschüchterung und Kriminalität. Warum wendet man diese staatliche Kleidungssanktion, wegen Einzelfällen, nicht ebenfalls gleichermaßen bei kriminellen Kirchenvertretern, Fußballfans und anderen an?

2010sdafrika-Redaktion: Unsere Redaktion ist wiederholt aus der Rockerszene informiert worden, dass die Hells Angels untereinander längst zerstritten sind. Der türkische Rockerboss Neco soll für den Riss in der Szene verantwortlich sein – und auch für die jüngste Schießerei in Frankfurt am Main. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Antwort: Diese Frage betrifft den Hells Angels MC selbst und sollte auch von deren Pressesprecher beantwortet werden. Ich will und habe nicht das Recht über einen Klub, dem ich nicht selbst angehöre, zu urteilen oder gar zu verurteilen. Nur so viel dazu: Wenn ein MC interne Probleme hat, werden diese auch intern geregelt. Da braucht es keinen Außenstehenden oder ein Pressemedium, das seinen Senf dazu abgibt.

Screenshot Rockernews

2010sdafrika-Redaktion: Gibt es Ihrer Meinung nach die Bruderschaft unter den Rockern überhaupt noch?

Antwort: Ich versuche diese Frage im Allgemeinen und aus meiner persönlichen Sicht heraus zu beantworten.

Eine echte Bruderschaft kristallisiert sich in schlechten und nicht in guten Zeiten heraus. Es ist aber doch sehr auffällig, dass bei Vereinigungen wie bei MC´s in vielen Fällen enger zusammengerückt wird, sollte es zu Problemen kommen, als bei anderweitigen Klubs.

2010sdafrika-Redaktion: In Staaten wie Südafrika gelten die Hells Angels im Gegensatz zur Lage in Deutschland nicht als eine Vereinigung der Organisierten Kriminalität. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung?

Antwort: Zu dieser Frage fällt mir spontan ein Zitat von Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen ein: „Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nie zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie ein scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf Erden. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.” 

Harte Worte, die aber der Situation in Deutschland, nicht nur in Sachen Rockerwesen, gerecht werden!

2010sdafrika-Redaktion: Glauben Sie, dass die Rockerklubs in Deutschland in zehn bzw. in zwanzig Jahren weiterhin existieren werden?

Antwort: Diese Frage ist einfach zu beantworten: Es liegt an den Membern, also an den Vollmitgliedern eines MC´s, die sich ihre Prospects ziehen und dadurch selbst über ihre eigene Zukunft entscheiden! Sie sind letztlich verantwortlich, inwieweit sie den Urgedanken des Rockerwesens verwässern lassen und in welcher Art und Weise ein Klub in der Zukunft überleben wird.

Mit meinen 56 Jahren mache ich mir sehr wohl Gedanken über die Zukunft des Rockerwesens. Für mich ist der Urgedanke des Rockerwesens etwas sehr Wertvolles. Die Tugenden, die in solch einer Gemeinschaft vermittelt werden, sind edel und in unserer gegenwärtigen Ellenbogengesellschaft nicht mehr weit verbreitet.

Die Kraft der eingeschworenen Gemeinschaft, das Miteinander und der Drang nach Freiheit sind Güter, die einen Rockerklub noch über viele Jahrzehnte tragen und erhalten können.

Sicherlich kann ein Klub auch Fehler machen, hinter jeder Kutte steckt ein menschliches Wesen und kein unbelehrbares Ungeheuer. Aber hier greift zum Erhalt des Klubs, wie schon in der Vergangenheit des Öfteren geschehen, meist der Geist der Selbstreinigung.

Ich glaube schon, dass es in 20 Jahren das Rocker- und Bikerwesen noch geben wird. Eventuell in einer etwas abgewandten Version, aber mit denselben Grundzügen.

2010sdafrika-Redaktion: „RNjosef“, Betreiber der Plattform „Rockernews“, vielen Dank für das Interview!


 

QUELLE: http://2010sdafrika.wordpress.com/2014/08/02/die-hetze-gegen-rocker-muss-gestoppt-werden/